OSAM-SCHULUNGEN
Stress, Vertrauen und Leistung: seine Zustände verstehen, um besser zu managen
- 16 Januar 2026 0 h 40 min
Wie Selbsterkenntnis zu einem Hebel für nachhaltige Führung wird
1.Können Sie sich zu Beginn vorstellen und uns Ihren Werdegang schildern?
Haben Sie vier Stunden Zeit? Ich scherze 😊
Mein Werdegang ist ziemlich atypisch. Ich habe verschiedene Berufe ausgeübt: Buchhändlerin (obwohl ich nicht gerne las), Außendienstmitarbeiterin (obwohl ich sehr schüchtern war), in der Luxusschmuckbranche, bei Designermöbeln und dann als Callcenter-Trainerin.
Diese Erfahrungen haben mir ein tiefgreifendes Verständnis der Mechanismen menschlicher Beziehungen, des Verkaufs und des Vertrauens vermittelt.
Mitten in der COVID-Phase beschloss ich, mich selbstständig zu machen, mit einem ganz klaren Ziel: möglichst vielen Menschen dabei zu helfen, ihr Potenzial zu entfalten und es zu wagen, sich mit mehr Selbstvertrauen weiterzuentwickeln, insbesondere in ihrer beruflichen Haltung.
Wenn ich meine eigenen Bremsen überwinden und aus meinen unangenehmen Bereichen herauskommen konnte, dann kann jeder lernen, seine Ressourcen und sein Potenzial zu aktivieren.
2. In einem anspruchsvollen beruflichen Umfeld ist Stress oft unvermeidlich: Was sind die ersten Signale, die Führungskräfte lernen sollten, bei sich selbst zu erkennen?
Die ersten Signale treten oft schleichend auf: häufigere Reizbarkeit, ungewöhnliche Müdigkeit, die Tendenz, Gesprächspartner schnell zu beurteilen oder die Geduld zu verlieren. Stress äußert sich nicht bei jedem Menschen auf die gleiche Weise. Er kann sich auch darin äußern, dass Sie Ihre Ernährung ändern, Aktivitäten aufgeben, die Ihnen normalerweise Kraft geben, dass Sie weniger motiviert sind, dass Sie impulsiver werden oder sich schlechter konzentrieren können. Wenn Sie lernen, diese frühen Signale zu erkennen, können Sie handeln, bevor sich der schlechte Stress dauerhaft festsetzt.
3. Selbstvertrauen ist für eine nachhaltige Leistung von entscheidender Bedeutung. Welche Werkzeuge oder Ansätze empfehlen Sie, um es im Alltag zu stärken?
Die gute Nachricht ist, dass Vertrauen immer vorhanden ist. Es verschwindet nicht, sondern tritt lediglich in den Hintergrund, wenn unser Nervensystem eine Situation als Bedrohung oder Aggression wahrnimmt. Unser Körper ist perfekt darauf ausgelegt, uns zu schützen. Das Problem entsteht, wenn das Gehirn ein unpassendes Signal erhält: Es reagiert, als ob eine echte Gefahr zu bekämpfen wäre, obwohl die Situation manchmal einfach nur eine Klärung, einen Austausch oder einen Schritt zurück erfordert. Das ist der Punkt, an dem Stress kontraproduktiv wird. Denn Stress ist an sich nützlich. Problematisch wird er, wenn er falsch interpretiert oder falsch eingesetzt wird.
Die polyvagale Theorie vermittelt genau dieses Verständnis, dass wir über mehrere Funktionszustände verfügen. Wenn wir lernen, diese zu erkennen und sie je nach Situation bewusst zu mobilisieren, gewinnen wir an Energie, Effizienz und Gelassenheit.
Konkret bedeutet dies:
- wissen, wie man sich ohne Schuldgefühle ausruht, wenn es nötig ist
- eine höhere Energie für anspruchsvolle Situationen mobilisieren (öffentliches Reden, Reframing, Entscheidungsfindung),
- einen Schritt zurücktreten, ohne in Prokrastination zu verfallen.
Bewusstes Atmen und Visualisierung sind zwei einfache, kraftvolle Werkzeuge, die für jeden zugänglich und völlig kostenlos sind. Ihre Wirkung wird oft unterschätzt, obwohl sie den Stress im Alltag wirksam regulieren können.
4. Die Polyvagal-Theorie steht im Mittelpunkt Ihres Fachwissens: Wie kann sie einer Führungskraft oder einem Manager konkret dabei helfen, in Situationen mit hohem Druck Ruhe und Klarheit zu finden?
Wenn der Manager seine eigenen Funktionsweisen sowie die seiner Mitarbeiter versteht, lernt er, seine inneren Zustände zu erkennen und seine Haltung der jeweiligen Situation anzupassen. Dadurch spart er wertvolle Zeit und Energie. Ruhe ist zum Beispiel nicht immer die richtige Reaktion. Vielmehr kann man durch die Rückkehr in einen inneren Zustand der Ruhe später bewusst entscheiden, ob man Autorität zeigen, einen Schritt zurücktreten oder schnell handeln muss. Letztendlich ist es nicht so sehr das, was man sagt oder tut, das die größte Wirkung hat, sondern der innere Zustand, in dem man sich im Moment der Handlung befindet.
Der Manager entwickelt auch ein besseres Verständnis für seine Teams. Wir haben nicht alle die gleichen Auslöser für Stress oder Angst. Ich verwende oft das Beispiel der Spinne: Manche Menschen erstarren, andere fliehen, wieder andere greifen an, während manche fast gar nicht reagieren. Angesichts von etwas Neuem, einer Veränderung am Arbeitsplatz oder einer einfachen Information können die Reaktionen ebenso unterschiedlich ausfallen.
Wenn ein Manager versteht, dass Leistung vor allem auf einem Gefühl der Sicherheit bei jedem Einzelnen beruht, kann er seine Kommunikation anpassen, Reaktionen voraussehen und die Beziehungen innerhalb seines Teams reibungsloser gestalten. Das mag einfach klingen und ist oftmals genau das, was Fragen aufwirft. Doch die polyvagale Theorie ist sowohl einfach als auch äußerst effektiv.
5. Weiterbildung wird oft als Hebel für technische Fertigkeiten gesehen, aber wie kann sie auch zur Stressbewältigung und zur Entwicklung von Selbstvertrauen beitragen?
Technische Fertigkeiten sind wesentlich, sie reichen jedoch nicht aus, wenn die Person nicht in der richtigen Verfassung ist, um sie zu mobilisieren. Umgekehrt optimieren Mitarbeiter, die sich ihrer inneren Zustände bewusst sind, ihren Arbeitsalltag: besseres Energiemanagement, reibungslosere Kommunikation, besseres Zuhören, mehr Zusammenarbeit, Hervorhebung des Potenzials. Stress wird auf natürliche Weise abgebaut oder zu einem mobilisierenden Stress, der im Dienste der Leistung und des kollektiven Wohlbefindens steht.
6. Wenn Sie Führungskräfte begleiten, welche Veränderungen beobachten Sie bei denjenigen, die Ihre Methoden integrieren: in Bezug auf ihre Haltung, ihre Entscheidungen oder ihre Wirkung auf ihre Teams?
Die Manager, die ich begleite, nehmen ihre Rolle und ihre natürliche Autorität vollständiger wahr. Ihre Kommunikation gewinnt an Klarheit und Wirkung, und ihre Beziehungen zu den Teams werden gelassener und effektiver. Sie treffen Entscheidungen besonnener und differenzierter und sparen dabei Energie und Zeit. Was sie oft am meisten überrascht, ist die Einfachheit der Werkzeuge und die Geschwindigkeit, mit der sich die positiven Auswirkungen für sie selbst und ihre Teams bemerkbar machen. Die Kenntnis der eigenen inneren Zustände verändert die Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zur Welt. In großem Maßstab könnte sie einer der mächtigsten Hebel für eine friedlichere Zukunft sein.
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